22. Brief – 28. Juli 1942

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– 22. Brief –

Rußland, den 28.7.42

Mein fernes Lieb!

Gestern war ich zu faul zum Schreiben. Das lag aber viel an der Bullenhitze, die hier augenblicklich ist. Die Straßen, die vor einigen Tagen noch mit einer dicken Schlammschicht bedeckt waren, sind nunmehr total verstaubt. Riesige Staubwolken begleiten die Fahrzeuge.

Wir sind noch immer in O. Benzin haben wir noch nicht bekommen. Es wird auch noch einige Zeit dauern, da erst die Bahnlinie bis hier fahren muß. Das würde mich nicht so traurig stimmen, da es nunmehr noch länger dauern wird, bis ich Post bekomme.

Vorgestern habe ich Dir ein Päckchen Nr. 4714 geschickt. Es enthielt 2 Dosen Ölsardinen und einen belichteten Film. Wenn Du mal in die Stadt kommst, so laße den Film bei Photo Tietgen am Plan entwickeln und von jeder guten Aufnahme eine Vergrößerung 6×9 in chamois-hochglanz mit Büttenrand machen.

Vielleicht entwickelt Dir Dr. Schmidt den Film und macht Dir die Abzüge. Sonst kannst Du auch Herrn Schade bitten, den Film bei Photo-Tietgen abzugeben. Er kommt ja täglich da vorbei. Du wirst jedenfalls schon sehen, daß Du schnell zu den Bildern kommst, da Du sicher vor Neugierde platzt. Mach aber Herrn Schade genaue Angaben, wie die Bilder sein sollen (das Unterstrichene beachten).

Wenn Du die Bilder zu Haus und bei unseren Bekannten gezeigt hast, so schicke mir alle Bilder und den Film. Es sind nämlich noch Kameraden, die Abzüge haben wollen, das werde ich dann von hier aus veranlassen.

Wäre es Dir nicht möglich, mir ein Brotmesser, wie wir eins haben, zu schicken? Dein Vater hatte doch gute Beziehungen zu einem Schlachtereibedarfsartikelgeschäft. Aber schicke mir nicht ein einfaches Küchenmesser. Laß Deinen Vater sehen, daß er ein nicht so großes, mit guter, scharfer nach Möglichkeit rostfreier Klinge bekommt. Vielleicht kann er auch eine Lederhülle für die Klinge besorgen. Wenn nicht, so laße ich mir von unserem Batterieschuster eine machen. Leider vergaß ich, den letzten Brief zu numerieren. Es war der Brief, der nur eine Seite lang war. Diesem Brief habe ich die Nr. 22 gegeben und nehme an, daß das stimmt.

Jetzt sind es schon über 2 Monate her, daß wir uns nicht mehr gesehen haben. Manchmal durchlebe ich noch jede Minute, als ich am 1. Pfingsttag bei Euch abends eintrudelte bis zu dem Abschied am Bahnhof, der mit Hindernissen verbunden war. Manchmal kommen einem dann die Tränen. Aber was nützt das alles, ob man will oder nicht, man muß mitmachen und aushalten. Hoffentlich ist das nächste Wiedersehen nicht mit einer Rückkehr nach Rußland verbunden.

Wir leben ja hier einen guten Tag. Morgens grunzen wir bis 10 Uhr dann wird sich bis Mittag gewaschen und rasiert, dann schnappt sich jeder sein Kochgeschirr und sieht, daß er bei irgendeiner Gulaschkanone etwas zu essen kriegt.

Die Marschverpflegung, die wir täglich von der Ortskommandantur bekommen, ist sehr mies. Sie besteht aus: ½ Brot, 100 gr Wurst und 3 Zigaretten. Da muß man schon sehen, daß man sich bei irgendeiner Küche etwas beschafft. Ich habe noch keinen Kohldampf geschoben. Täglich trinke ich meine 1 ½ l Milch und esse ein paar Eier nebenbei.

Gestern habe ich mir auch die genügende Rauchmenge von den Ungarn beschafft. Also um mich brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Ich mache mir nur viele Gedanken um Euch. Es gibt doch laufend viele Angelegenheiten, die ich für Euch erledigen könnte.

Und nun hoffe ich, bald Post von Euch zu erhalten, damit ich Gewißheit habe.

Grüße meine kleine Heidi und den unbekannten Dritten recht herzlich von mir. Dir als die Beschützerin der beiden die herzlichsten Grüße und Küsse,

Euer Vati

Viele Grüße an Deine Eltern. Ich werde heute noch an Tante Henni mal schreiben.


 

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