13. Brief – 5. Juli 1942

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– 13. Brief –

Rußland, den 5.7.42

Mein liebes Frauchen!

Jetzt sind es fast 1½ Monate her, daß ich keine Nachricht mehr von Dir bekommen habe. Ich weiß, es ist nicht Deine Schuld, da es den anderen Kameraden auch so geht.

Inzwischen haben wir unseren Rastort gewechselt. Volle 8 Tage sind wir mit der Autokolonne unterwegs gewesen. Nachts haben wir immer in Zelten geschlafen und dabei Nacht für Nacht Wache geschoben. Das kann einen auf die Dauer kaputt machen. Aber die alten Landser machen das schon Jahre mit und haben es auch gut überstanden, da wird es mir auch gelingen.

Die Fahrt war ja teilweise interessant. Durch die heiß umkämpfte Gegend (Briansk und Orel) sind wir auch gekommen. Überall zerschossene Ortschaften und die Straßen von Soldatengräbern gesäumt. Es lief einem manchmal kalt über den Rücken.

Augenblicklich liegen wir in einem Wald und sind gegen Fliegersicht gut getarnt. Wahrscheinlich werden wir hier längere Zeit bleiben. Wir leben hier wie die Zigeuner. Man hat nur das Bedürfnis, sich einmal richtig baden zu können. Der nächste Ort, wo es Wasser gibt, ist ein paar Kilometer entfernt. Täglich fährt ein Wagen dorthin, um Wasser zu holen. Den Luxus, sich jeden Tag zu rasieren, kann man sich jetzt nicht mehr erlauben. Du kannst Dir lebhaft vorstellen, wie wohl ich mich dabei fühle. Hoffentlich ist dieser verdammte Krieg nur bald zu Ende.

Nun habe ich noch eine Menge Sachen, die ich gut gebrauchen könnte. Da wir hier so ziemlich von der Welt abgeschnitten sind, bitte ich Dich, mir jede Woche die Sonnabend- und Sonntagausgabe des Fremdenblatts zu schicken. Dann bitte ich Dir, mir

  • 20 Freimarken à 0,20, Tee mit Dose, Sacharin (Dr. Schmidt),
  • meine schwarze Turnhose,
  • die rote Butterdose aus Bakelit,
  • 2 Notizbücher, Größe etwa die Hälfte dieses Briefbogens,
  • 1 Tube Pelikanol zum Kleben (Dr. Schmidt)
  • 1 Datumsstempel (Schreibtischschublade)
  • 2 kleine Pinsel (Putzkommode oberste Schublade)
  • etwa 10 m Bindfaden (Rolle über d. Tür i.d. Speisekammer)
  • Staubkamm, auch Läusekamm genannt
  • das Luftkissen zum Aufblasen
  • Seifendose
  • Büchsenöffner mit Flügelschraube (Dr. Schmidt)
  • Grammophonschlüssel (Dr. Schmidt)
  • Beutel für Kamm und Bürste
  • Handschuhe

zu schicken.

Zu den einzelnen Sachen muß ich Dir noch folgendes mitteilen: Sacharin wird es ja sicher nicht mehr geben. Dr. Schmidt wird Dir aber bestimmt welchen besorgen können. Ich will nur welchen für meinen eigenen Bedarf haben. Zu kaufen oder zu tauschen gibt es hier in der trostlosen Gegend nichts. Vielleicht hast Du auch eine kleine Dose für Sacharin. Sonst fragst Du mal bei Bekannten. Schicke mir die Salzstreudose, wo oben der Knopf zum Drücken drauf ist und Salz drauf steht. Meine Seifendose ist leider zerbrochen. Schicke mir bitte eine aus Zelluloid, ich hatte in Kowno mal solche gekauft. Sieh mal zu, ob du einen Büchsenöffner, der durch eine Flügelschraube bedient wird, bekommen kannst. Sonst fragst Du Dr. Schmidt mal. Ich habe bei einigen Sachen, die Dr. Schmidt Dir bestimmt besorgen kann, Dr. Schmidt hinter geschrieben. Ich habe hier einen leeren Koffergrammophonkasten besorgt, den ich als meine Verpflegungskiste verwende. Nun hätte ich gerne einen Schlüssel dafür, da man solche Sachen am besten unter Verschluß hält. Die Schlüssel sind alle gleich. Vielleicht kann Herr Schade Dir einen aus dem Musikaliengeschäft auf dem Alten Wall mitbringen. Das ist gleich neben seiner Versicherung. Nähe mir bitte einen Beutel für meine Haarbürste und Kamm. Die Bürste, die ich mit habe, ist etwas schmäler als die Bürste in dem Badezimmerschränkchen. Nähe mir bitte den Beutel aus dem blauweißkarierten Stoff wie unsere Küchengardinen. Daraus hattest Du mir auch den Beutel für mein Eßbesteck genäht. Schicke mir bitte die Handschuhe, die ich immer auf dem Fahrrad angezogen habe. Sie werden wahrscheinlich in einem Mantel stecken. Dann ist mir noch eingefallen, daß Du mir Russentee schicken könntest, und zwar ein großes Päckchen. Wir haben so eine kleine Blechdose für Tee aus Weißblech, nicht die bemalte, darin könntest Du mir den Tee schicken.

Nun kommt die Verpackung, die nur höchstens 100 gr. betragen darf. Wenn es etwas schwerer (etwa 140 gr) sind, schicke es nur einfach weg. Du mußt Dir nun alle kleinen Dosen verwahren. Zu frankieren brauchst Du die Sendungen nicht. Hoffentlich gelingt es Dir, alles kunstgerecht zu verpacken.

Da Du jetzt mit unserem neuen Sprößling (ich weiß noch nicht, ob er da ist) genug beschäftigt bist, brauchst Du den Päckchen keinen Brief beizulegen. Notiere Dir die Sachen, die Du mir schickst und erwähne sie in Deinem nächsten Brief.

Ist das Paket mit meinen Zivilklamotten, die Du mir seinerzeit nach Lüneburg schicktest, und das Geld aus Kowno (etwa 37,-) angekommen?

Heute ist der 7.7.42, es ist wieder keine Post da. Wie ich höre, soll sie schon wieder an unseren neuen Rastort weitergeleitet sein. Da kann es wieder 8 – 14 Tage dauern, bis ich Post von Dir bekomme. Aber schreibe fleißig, ich werde es auch tun. Die Feldpostnummer wird dieselbe sein, da ich als Rechnungsführer nicht versetzt werde. In 2 Tagen startet wieder ein Brief an meinen Schatz.

Für heute sendet Dir,

Heidi und ? die herzlichsten Grüße und 1000 Küsse,

                Euer Vati.

Dir besonders wünsche ich eine baldige Genesung.

 


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