2. Brief – 7. Juni 1942

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–2–

Rußland, den 7.06.1942.

Mein lieber, guter Engel!

Gestern Nacht hatte ich Wache. Ich hatte die Absicht, in den Wachpausen einen langen Brief an Dich starten zu lassen. Aber aus diesem guten Vorhaben wurde leider nichts, da sich beim Kerzenschein schlecht Briefe schreiben läßt. Elektrisches Licht sowie fließendes Wasser sind hier wesensfremde Begriffe.

Leider ist aus unserer Versetzung in die Stadt noch nichts geworden. Wir sind noch immer in der russischen Schule untergebracht, die nicht die einzigste Annehmlichkeit aufzuweisen hat. Morgens müssen wir uns am Brunnen waschen. Eine Waschschüssel besitzen wir nicht. Da kannst Du Dir lebhaft vorstellen, was da morgens für ein Gedränge ist, wenn 100 Mann sich da innerhalb kurzer Zeit waschen müssen. Eine Latrine ist in primitiver Form auch vorhanden, man muß allerdings einen kleinen Spaziergang bis dahin machen. Du kannst Dir da lebhaft vorstellen, daß die Soldaten hier nicht einen allzu großen Wert auf Sauberkeit legen. Rasiert wird sich nur noch alle 2 – 3 Tage.

Die Partisanen treiben hier sehr ihr Unwesen. Vor 2 Tagen hat unsere Wache wieder 2 Partisanen aufgegriffen. Auf unserer Fahrt zu unserem Reiseziel war die Bahnlinie gesprengt worden und ein Transportzug zum Umstürzen gebracht. Wenn die Partisanen gefasst werden, wird kurzer Prozess mit ihnen gemacht.

Nun zu Deiner Niederkunft, die mich am meisten beschäftigt. Ich habe heute Dr. Schmidt einen langen Brief geschrieben und ihm alles mitgeteilt, was bei Diener Niederkunft zu erledigen ist.

Laß Dir den Brief von ihm mal geben, lese ihn genau durch und mache Dir Notizen. Gebe ihm außer dem Familienstammbuch auch den Meldeschein. Letzteren findest Du ganz vorne in der Akte „Personalakten und Urkunden“ in dem Briefumschlag. Es wäre zweckmäßig, wenn Du Dir schon jetzt ca. 800,- von unserem Konto abheben würdest. Gebe davon 500,- Dr. Schmidt für das Sparkonto, 300,- mußt Du ja zu Deinem persönlichen Bedarf haben, wie Klinik u.a.m. Hebe Dir nur die Rechnungen alle auf.

An Mausi habe ich auch heute wegen der Geburtsanzeigen geschrieben. Mausi wird die Anzeigen an Dr. Schmidt schicken, der dann das Weitere veranlassen wird.

In der linken Seite des Schreibtisches habe ich einige unbeschriftete Mappen. In einer dieser findest du nur Sachen, die Heidi betreffen Unter anderem auch Heidis Geburtsanzeige. Zeige diese Dr. Schmidt, damit die Anzeigen in der gleichen Art gedruckt werden.

Dann findest Du in dieser Mappe auch ein kleines Heft, wo ich die Wiegedaten notiert habe. Du hast sicher vergessen, Heidi an ihrem Geburtstag zu wiegen und zu messen. Hole dies bitte sofort nach und trage die Zahlen in das Heft ein, aber mit Bleistift.

Nun haben wir uns noch nicht über die endgültige Namensgebung unseres 2. Sprößlings unterhalten. Diesmal habe ich einen Wunsch, den Du mir erfüllen mußt. Wenn es ein Junge ist, soll er

Kai Ludwig,

wenn es ein Mädel wird, soll es

Annelie (ohne se)

heißen.

Sollte es die große Überraschung sein, und es sollten Zwillinge werden, so überlasse ich die weitere Namensgebung Dir. Gegebenenfalls können die beiden obigen Namen dann verwertet werden.

Mein Gesuch werde ich morgen wieder abgeben und verspreche mir davon einen großen Erfolg. Laßt uns die Briefe jetzt wieder numerieren. Solltest Du schon einen Brief an mich abgesandt haben, so numeriere den nächsten mit 2. Drucke meinen Namen immer mit dem Stempel.

Und nun bin ich müde. Gute Nacht und viele liebe Küsse,

Euer Vati


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